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Worte bleiben unvollständig - August 2012

Hier ist der „Offene Brief der Präsidentin der FIMEM“, verfasst von der Mexikanerin Teresita Garduño, die jetzt nach 6 Jahren im CA der FIMEM (= Leitungsgremium der internationalen Freinet-Bewegung) aus dem Amt ausscheidet.

worte bleiben unvollständig

Wir haben die RIDEF in León /Spanien sehr intensiv erlebt.

Unser Bewusstsein als PädagogInnen wurde aufgerüttelt durch Eindrücke, die jeden Tag in verschiedenen Sprachen auf uns einwirkten: Wörter, Bilder, Gegenstände, Bewegungen, Gegebenheiten, Fakten für die verschiedenen Kontinente, kulturelle Traditionen, verschiedene Sitten, Bekenntnisse auf den Fluren und in den Ecken, Gruppengespräche in den Sprachgruppen, Blicke und Gesten, lächelnde Gesichter bei den Begegnungen, Tänze und Lieder, verschiedene Sprachen, Tränen, überschwängliche Emotionen, Beifall, Kritik und Komplimente.

In diesen Juli-Tagen 2012 hörten wir oft die Wörter: Mädchen, Teenager, Frauen (junge und ältere). Diese Wörter wurden gefiltert durch viele verschiedene Erfahrungen in unterschiedlichen Lebensbedingungen auf unserem Planeten: Ungleichheit, Diskriminierung, Unsicherheit, Angst, unsichtbar sein, Zurückweisung, Ungerechtigkeit, Verachtung, Übergangen-Werden, Risiko, Kampf, Notwendigkeit, Kontrolle, Entwertung, Unterwerfung, Hunger, Schweigen, Eingeschlossen-Sein, unter dem Schleier leben müssen.

Wir wurden konfrontiert mit einer Ungleichheit, die unerklärlich ist und die mehr als die Hälfte der Bevölkerung in unseren Ländern betrifft – trotz der 21 Jahrhunderte, die bis zu unserer gesellschaftlichen Epoche vergangen sind. Einige Fälle sind extrem, wie Gewalt gegen Frauen, Ermordung, Prostitution der Mädchen und Genitalverstümmelung, sexuelle Belästigung und Vergewaltigung, erzwungene Ehen – oft schon für sehr junge Mädchen.

Andere Praktiken der gesellschaftlichen Ungleichheit sind subtiler, aber ebenso schmerzlich für die Betroffenen: doppelte Arbeitszeit für Frauen, ungleiche Löhne, fast alleinige Zuständigkeit für den Haushalt sowie die Betreuung der Kinder und Alten, das Fehlen weiblicher Formen in der Sprache, die eingeschränkte Berufswahl für Frauen, ihr Fehlen in Leitungspositionen, ihr ständiges Schweigen-Müssen, in manchen Ländern gezwungen zu sein hinter dem Mann herzugehen, die Lieder, die Kinderspiele oder die Farben, die nur für Jungen reserviert sind, die mangelnde Qualifizierung der Frauen, die oft genug verbaler Gewalt ausgesetzt sind, ihr Zwang, sich auf eine bestimmte Art zu bedecken und zu kleiden.....

Wir haben uns unsere Klassenräume und unsere Kulturräume vorgestellt, um uns bewusst zu machen, dass es zahlreiche Filter und 'Vergrößerungsgläser' gibt, die die Diskriminierung der Geschlechter für unsere Frauen und Mädchen noch stärker spürbar werden lassen: die ethnische Zugehörigkeit, die Sozialschicht, der Ort an dem die Frauen leben, ihre sexuelle Orientierung, die Armut, die Behinderung oder ihr Status als Flüchtling oder Migrantin – unter vielen anderen Faktoren.....

Wir haben beobachtet, wie die Sprache, die Schulbücher, die Stoffpläne, die Ausbildungswege, die Religion, der Mangel an sexueller Aufklärung, die Erotisierung in den Medien, der Mangel vernünftiger Erziehungs- und Gesundheitsprogramme und sexueller Aufklärung geführt haben zu falschen Frauenbildern: die Frau als sexuelles Objekt, als „Puppe“ mit der der „Mann“ spielen und die er zerbrechen kann, als gefügige Partnerin oder als alleinige Verantwortliche für ungewollte Schwangerschaften......

Wir haben realisiert, dass ungefähr 50 % der Bevölkerung auf den vier Kontinenten, in denen die Freinet-Pädagogik praktiziert wird, eine imposante Kraft in ökonomischer Hinsicht darstellen: Frauen, die mit ihren Einkünften zum Erhalt der Familie beitragen, besonders in den armen Bevölkerungsschichten. Dieser Lohn der armen Frauen wird oft geschmälert durch ihre Diskriminierung als Frauen, besonders in den ländlichen Gebieten, in Zonen in denen eigene Gesetze herrschen, in Unterdrückungssituationen auf Grund einer Zugehörigkeit zu einer bestimmten Ethnie oder zur Gruppe der Migrantinnen.

Wir haben in unserer täglichen Kongress-Zeitung geschrieben, dass die Mehrzahl der weiblichen Bevölkerung keine Anerkennung für ihre Arbeit bekommt, oder dass ihr Lohn nicht an sie, sondern direkt an die Familien gezahlt wird.

Wir haben uns in Vorträgen, Runden Tischen, Präsentationen, Ausstellungen, Schriften, an Hand von Dokumenten des täglichen Lebens, in Langzeit- und Kurzzeit-Ateliers mit der Tatsache beschäftigt, dass der Mangel an Möglichkeiten, sich zu bilden und zu studieren, die Frauen in Arbeitslosigkeit festhält. Dies ist auch eine traurige Realität für die Jugendlichen, die nicht lesen und schreiben lernen konnten.

Wenn wir uns z.B. auf dem lateinamerikanischen Kontinent umschauen, finden wir dort 110 Millionen Frauen, von denen 40 %, d.h. 55 Millionen nicht ihre Grundschulbildung abschließen konnten. Wenn wir die Analphabetinnen hinzufügen, dann kommen wir ungefähr auf 75 Millionen Frauen, die eine Grundschulbildung wünschen und bitter nötig hätten.

Wir haben auch diskutiert über das Wahlrecht, das den Frauen endlich zugestanden wurde: Erste Ansätze dazu gab es für die amerikanischen Frauen in New Jersey im Jahre 1776, dann wurden diese 1807 wieder zurückgenommen, weil sie als Provokation empfunden wurden, und erst 1869 als legales Frauenwahlrecht in Wyoming wieder eingeführt, aber nicht für Menschen mit farbiger Haut.
Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde das Frauenwahlrecht 1927 in Uruguay auf Grund eines Plebiszits und 1931 im Spanien in der 2. Republik eingeführt, aber erst viel später in Ländern wie Mexiko (1953), und in Afrika in den ehemaligen französischen Kolonien erst 1956.
Wir haben uns die Frage gestellt, warum Frauen in Führungspositionen nicht adäquat vertreten sind, warum z.B. ihr Anteil in den Regierungen der Länder nicht proportional zu ihrem Anteil in der Bevölkerung ist: in Uruguay beträgt er 10,5 %, in Mexiko 15 %, in Argentinien 27,3 %, in Brasilien 27,5 %, in Spanien 42,8 %. Jedoch beträgt in keinem Land der Welt der Anteil der Frauen an der Regierung 50 %, was ihren politischen Rechten entsprechen würde.
Wir haben an Hand unserer eigenen Praxis in den Arbeitsateliers und durch Gruppen-Diskussionen herausgearbeitet, dass die Feminisierung des Lehrerberufs eine Realität darstellt, besonders in der Vorschul- und Grundschulerziehung. Dort gehört der Erzieherberuf zu den „Frauenberufen“, indem sie durch ihre Arbeit die mütterliche Rolle in der Familie fortsetzen. Dies allein ist schon ein Ausdruck sexistischer Ungleichheit, denn das Geschlecht dient als Kriterium für die Klassifizierung der zu leistenden Arbeit. Die Stellen im Erziehungswesen mit dem niedrigsten Prestige und den niedrigsten Gehältern bleiben so den Frauen vorbehalten, während ihr Anteil mit zunehmender Spezialisierung der Lerninhalte immer weiter abnimmt.

Aber wir haben auch realisiert, dass die Frauen in unseren Ländern die besten Studentinnen mit den besten Noten sind, beim Abitur und im Studium. Wir haben gesehen, wie brilliant sie sein können auf dem Gebiet der Kunst, der Literatur oder der Naturwissenschaft. Wir haben die Mädchen beobachtet in unseren Klassenversammlungen, im Klassenrat, in den öffentlichen Protest- Demonstrationen der Studenten (z.B. in den letzten Jahren in Chile), in ihrem Einsatz für die Menschenrechte der Kinder und Frauen. Wir haben Frauen in den Chef-Etagen großer Unternehmen gesehen, in den lokalen, regionalen und nationalen Regierungsgremien, in den naturwissenschaftlichen Vereinigungen, in den Erziehungs- und Gesundheitsministerien, den Wirtschafts- oder Kulturministerien. Wir haben ihre Stimmen gehört in den Nicht-Regierungsorganisationen und den Internationalen Organisationen zur Verteidigung der Menschenrechte.

Nachdem wir all das realisiert und analysiert haben, was zur Lage der Mädchen und Frauen gesagt, ausgedrückt, proklamiert und erlebt wurde auf dem 29. Treffen der Freinet-PädagogInnen, wollen wir einige grundsätzliche Orientierungen für unsere Arbeit vorschlagen.
• Wir müssen dringend dafür sorgen, dass die Frauen in einer von Männern beherrschten Welt stärker in den Vordergrund treten.
• Wir müssen bsonders hart daran arbeiten, dass alle Mädchen und Frauen auf der Welt Zugang zur Schulbildung haben.
• Die Gleichheit der Geschlechter drückt sich nicht nur in der gleichen Anzahl der Schulbesucherinnen aus, sondern in dem Respekt vor ihren Rechten, der ihnen als Mädchen und Frauen entgegen gebracht wird.
• Wir müssen bewußt mit unserer Sprache umgehen und mit den Inhalten, die durch sie transportiert werden, um Sexismus in der Schule zu verhindern.
• Alles muss im Hinblick auf die Gleichheit der Geschlechter auf den Prüfstand gestellt werden: die Lehrinhalte, die Schulbücher und Lernmittel, die Sprache, die Beispiele die für
einzelne Lehrinhalte gegeben werden, die Erwartungen an eine spätere Karriere, die Farbe der Kleidung, die Kinderlieder und Kinderspiele, die Spielsachen und die Rituale …...
• Wir müssen auf die Vorstellungen und Erwartungen der Eltern einwirken, ebenso der Kollegen, was die späteren Lebenswege der Mädchen angeht. Die Zukunft der Frauen ist es nicht nur, Ehefrau und Mutter zu sein.
• Die Schule muss das Stereotyp durchbrechen, dass der Mann die Frauen beherrscht, dass Hausarbeit Frauenarbeit ist und dass Gefühlsarbeit die alleinige Domäne der Frauen und Mädchen ist.
• Es ist dringend, Gewalt gegen Frauen zu stoppen und zu ächten.
• Wir brauchen dringend eine öffentliche Politik, die auf die Verwirklichung des gleichen Rechts auf Arbeit dringt, sowie einen besseren Zugang der Frauen zur Politik und zu den Wissenschaften.
• Die Beachtung des Gender-Aspekts und die Verwirklichung der Gleichheit der Geschlechter in der Erziehung, das Eintreten für die vollen Menschenrechte von Männern und Frauen nützt allen Menschen.

Foto: Ingrid Dietrich

Wenn wir die ständig wachsende Entwicklung der FIMEM beobachten, fragen wir uns, wie wir uns schützen können gegen die Einflussnahme durrch andere pädagogische Bewegungen, die uns kontrollieren und dominieren wollen, weil sie glauben, die absolute pädagogische Wahrheit zu besitzen – gegen die Abhängigkeit von gesellschaftlichen und pädagogischen Kräften, die erschreckt werden durch das Auftauchen neuer Formen der Kooperation in den Freinet-Bewegungen von Ländern und ganzen Kontinenten.

Wir müssen in unserer täglichen Praxis, in der Arbeit der Freinet-Bewegungen oder auch in der Arbeit der FIMEM das verwirklichen, was wir ausgedrückt und erlebt haben in diesen Tagen der RIDEF – oder unsere Deklarationen sind nur leere Worte.......

Also sagen wir heute, wie wir es in einer lautstarken Demonstration während eines „interkulturellen Abends“ auf der RIDEF erlebt haben:

Lang lebe die FIMEM! Lang mögen leben
• unsere Mädchen und Frauen!
• unsere Männer!
• unsere nationalen Bewegungen!
• unsere Unabhängigkeit!
• die Demokratie!
• die Freiheit des Ausdrucks!
• die Revolution des Bewußtseins!
• die Rechte der Kinder!
• die Rechte der Mädchen und Frauen!
• die Menschenrechte generell!

Lang lebe die spanische Freinet-Bewegung MCEP, die als „Geburtshelferin“ fungierte für all diese tiefgehenden Reflexionen und für diesen Austausch über unsere Praxis in der Schule und über unsere verschiedenen Kulturen auf der RIDEF!

Indem wir unsere Utopien weiter entwickeln, können wir vorwärts kommen (Eduardo Galeano).

Teresita Garduño, León / Spanien, 2. August 2012

Die scheidende und die jetzige Präsidentin der FIMEM, Teresita Garduño, Mexiko und Pilar Fontevedra, Spanien

 

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