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Interview mit Hélène Aubert, Langzeitatelier "demokratische Partizipation von Kindern in der Schule und in der Stadt" RIDEF

 Verfasst von Virginie Marechal / Übersetzung von Andi Honegger

 


Hélène Aubert kam mit spezifischen Anliegen betreffend ihrer Klasse ans RIDEF. Sie entschied sich für das Langzeitatelier von Jean Le Gal, um Strategien für das Überwinden von Alltagsschwierigkeiten in ihrer Schule zu finden.

Sie verlässt das RIDEF in Reggio mit Antworten, aber vor allem auch mit dem Wunsch, bei ihr zuhause aktiv für die Anliegen der Kinder zu kämpfen, in der Stadt, in der Schule, im Team. Sie war beeindruckt, als sie erfuhr, dass „Vorschläge von Kindern, die zunächst nur Kinder zu betreffen schienen, zu Veränderungen in der Gesellschaft führten."

Sie berichtet uns über ihre Teilnahme im Langzeitatelier und dass sie ab Schulbeginn im Herbst sicherstellen will, dass alle Kinder in ihrer Klasse eine "Stimme" haben. Ihre Begeisterung ist ansteckend.

 

Hallo Hélène, was hältst du vom Langzeitatelier mit dem Titel "demokratische Partizipation von Kindern in der Schule und in der Stadt?"

Ich genoss es sehr, im Atelier die schrittweise Einführung einer Form der Demokratie in der Gruppe zu erleben. Durch seine Sprache gelang es Jean Le Gal, uns klar zu machen, dass wir seine Worte auch in Frage stellen können.

Zum Beispiel sagte er uns folgendes: „..als Atelierleiter durch das RIDEF dazu befugt, schlage ich vor, dass wir zuerst entscheiden, wie wir in der Gruppe Entscheidungen treffen."

Das war eine Einladung, ihn in Frage zu stellen, was wir prompt taten: "Warum beginnen wir nicht damit, wie man das Wort ergreift?" Aufgrund unserer Unterrichtspraxis schien uns das das Wichtigste zu sein. Aber Jean Le Gal antwortete:

"Weil die Frage, wie man das Wort ergreift, bereits das Ergebnis einer Entscheidung der Gruppe sein muss."

Also haben wir uns Zeit gelassen um zu diskutieren und zu argumentieren.

Und die Gruppe hat beschlossen, Entscheidungen im Konsens zu treffen. Das heisst, eine Entscheidung wird nicht getroffen, wenn sich alle einig sind, sondern wenn niemand mehr Einwände dagegen hat. Rollen wurden verteilt, die sich aus diesem ersten Punkt ergaben, einschließlich der Rolle der Leitung, die dabei hilft, einen bestimmten Vorschlag neu zu formulieren und am Ende zu fragen: "Ist jemand dagegen?" Dazu die Rolle der Protokollführung von Entscheidungen, der Zeitüberwachung und einer Hilfsleitung, die alle Namen für Wortmeldungen aufschreibt und dafür sorgt, dass die Reihenfolge der Redebeiträge gewahrt bleibt... Alle diskutierten und von der Gruppe angenommenen Regeln wurden auf Plakate geschrieben und aufgehängt. Wenn ein Teilnehmer eine Regel missachtete, zum Beispiel zu spät aus der Pause zurückkehrte, erinnerte die Leitung an die Regel und das war alles.

Es war sehr befriedigend und ich hatte den Eindruck, dass alle Probleme, die in der Regel in einer Klasse auftreten, uns während des Ateliers beschäftigt haben. Wir behandelten sie gemäss den Regeln, die wir beschlossen hatten, auch wenn dies schneller möglich war als in einer Klasse. Tatsächlich war der Unterschied zu einer Schulklasse der, dass alle Teilnehmer des Ateliers freiwillig da waren und von der gleichen Bereitschaft getrieben wurden, vorwärts zu kommen...

Zum Beispiel haben wir Sprachprobleme, die auch in einer Klasse wegen unterschiedlichem Wortschatz entstehen können, als Notwendigkeit zum Übersetzen erlebt. Wir beschlossen, dass wenn ein Teilnehmer nicht zufrieden sei mit einem Vorschlag, wir uns die Zeit nehmen würden, um darüber zu diskutieren und ihn neu zu formulieren, bis sich alle einig und sicher wären, von der gleiche Sache zu reden. Die Leitung fragte: „Habe ich genau verstanden, von was gesprochen wird?" bis zur Übereinstimmung von allen.

Wir erzählten einander in kleinen Gruppen über unsere Praxis und wie wir die Kinder partizipieren lassen. Wir analysierten unsere Praxis zusammen, diskutierten Erfahrungen und Strategien... Die offenen Fragen wurden aufgelistet, um sie bis zum Ende des Ateliers beantworten zu können.

Immer wieder half uns Jean Le Gal mit kleinen Beispielen dabei, unsere Ausführungen zu relativieren und unsere Position zu überdenken, im Bewusstsein, dass andere Ansätze möglich sind.

Ich war gerührt ab der Vielfalt der weltweiten Erfahrungen, die Rechte der Kinder zu verteidigen... Und es freut mich, dass in vielen Ländern die Rechte der Kinder in der Schule vorgestellt werden.

Schließlich erkannte ich, dass die Gesellschaften, in denen Kinder bei der Lösungsfindung von Problemen mithelfen dürfen auch diejenigen sind, bei denen diese Lösungen zu Veränderungen geführt haben: in Afrika hat ein Vorschlag der Kinder zu Alphabetisierungskursen für Mütter geführt und eine Klassenkorrespondenz hat die Gründung einer Abfallverwertung ausgelöst...

 

 

Foto von Jean Le Gal : Claude Beaunis

Foto von Helene Aubert : Virginia Marechal

Gruppenfoto : Florence Saint-Luc