Abstract

Gespeichert von Jeanne Potin am Mo., 01.04.2013 - 11:43

THEMA DES TREFFENS

Wenn wir versuchen unser soziales Leben und unsere Lebensräume anders zu betrachten, ist es möglich sich eine bessere Gesellschaft vorzustellen und sie zu bilden. Der Ausdruck „Kind” schafft es „anders“ zu sein, in dem Sinne, dass er in sich die Sichtweise all jener umfasst, die Gefahr laufen aus dem sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Leben ausgeschlossen zu werden (wie etwa alte Menschen, Menschen mit Beeinträchtigung, Immigranten, usw.). Beim 30. internationalen Treffen der ErzieherInnen nach Freinet (Ridef) wird vorgeschlagen, jegliche Form der Bildung so zu gestalten, dass Kinder und Jugendliche am öffentlichen Leben teilnehmen können; was bedeutet, dass sie als aktive Menschen und Bürger mit allen Rechten anerkannt werden, so wie es die Kinderrechtskonvention (KRK) der UNO von 1989 vorsieht (*).

Die Schule ist eine wichtige Institution, welche die Rechte der Kinder und Jugendlichen verteidigt und wahrt, aber es ist wichtig sich vor Augen zu halten, dass Bildung nicht nur das Klassenzimmer, sondern jeden Augenblick und jeden Ort des sozialen Lebens betrifft, wie es in einem afrikanische Sprichwort heißt: „Um ein Kind zu erziehen, braucht man ein ganzes Dorf.“

Das Ridef - Treffen, wo sich Lehrpersonen, ErzieherInnen und Organisationen verschiedener Länder begegnen, kann dazu beitragen uns vor Augen zu führen, dass die Bedürfnisse und Rechte der Kindheit und Jugend Hand in Hand gehen: Einerseits haben Kinder und Jugendliche das Recht sich frei auszudrücken und Kritik zu üben, andererseits müssen sie auf dem Weg des Wachsens, und Lernens beschützt, behütet und begleitet werden.

Somit bedürfen wir alle einer größeren Aufmerksamkeit und der Überzeugung, dass ein Unrecht, eine Diskriminierung, ein Hindernis, welches auch nur einem einzelnen Kind auferlegt wird auch alle anderen in ihrer Freiheit und Selbstbestimmung einschränkt.

KINDHEIT IN DER HEUTIGEN WELT

Die internationale Freinet - Bewegung, die nach den Prinzipien der Freinet - Pädagogik arbeitet, bemüht sich weltweit darum in den Schulen die Entwicklung eines jeden Kindes durch kooperatives Lernen, kritische Auseinandersetzung mit der Umwelt und Selbstverantwortlichkeit zu fördern. Ein Bildungsziel, das nur durch die Ablehnung jeglicher Diskriminierung sowie jeglichen rassistischen, sprachlichen, religiösen, geschlechtlichen, politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Einflüssen möglich ist. In diesem Sinne ist Bildung nicht nur eine Aufgabe, die das Klassenzimmer betrifft. Auch jede andere soziale Struktur ist dafür verantwortlich, dass jedes Kind und jeder Jugendliche die „irdische Identität“, wie sie Edgar Morin nennt, erwirbt.

EINFLÜSSE UND VERLETZUNG DER RECHTE

Im Laufe des 30. Ridef wird besonders auf die neuen Informationstechnologien eingegangen, welche vor allem in der heutigen westlichen Gesellschaft Lern- und Denkweisen verändern, welche wiederum unbekannte Lebensstile hervorrufen.

Das Risiko besteht darin, dass neue technologische Geräte, falls sie zu früh in Bildungswege eingeführt werden, die Natürlichkeit der Wachstumserfahrung, die Selbstkenntnis, die Kenntnis des natürlichen Umfeldes und Formen der zwischenmenschlichen Kommunikation verändern. Wir ErzieherInnen sind der Meinung, dass virtuelle Erlebnisse Gefahr laufen reelle Erfahrungen zu ersetzen; wir fürchten, dass die Gesetze des Marktes die Kindheit zur vorzeitigen Entwicklung verleiten, die Entwicklungsstufen kompromittieren und erwachsene Modelle vorzeigen, welche der Kindheit die Zeit der Beziehungen und des freien Ausdrucks vorenthalten.

Dennoch ist uns bewusst, dass es notwendig ist auf andere Formen der Verletzung von Rechten aufmerksam zu sein, die, auch wenn sie alt sind, immer noch existieren (und das nicht nur im Süden der Welt): 200 Millionen Kinder und Jugendliche arbeiten, anstatt die Schulbank zu drücken, andere Gleichaltrige werden gezwungen Soldaten zu werden und wiederum andere erfahren Erpressung und Missbrauch und sind Opfer der Ausbeutung von Seiten der Erwachsenen. Letztendlich gibt es Kinder und Jugendliche, die missachtet werden und am Rande der Gesellschaft leben, weil sie einer ethnischen Minderheit angehören.

DIE SCHULE - SOWOHL IM NORDEN ALS AUCH IM SÜDEN - EIN ORT WO RECHTE UMGESETZT WERDEN

Die Lehrpersonen der Freinet - Bewegung laden die PädagogInnen weltweit ein, zu bewirken, dass in erster Linie die Schule in einen Ort verwandelt wird, in dem die Rechte Minderjähriger verwirklicht werden und wo man auf Situationen aufmerksam wird, in denen diese Rechte verweigert werden. Wir dürfen nicht vergessen, dass in den wirtschaftlich und sozial hochentwickelten Regionen der Erde zahlreiche minderjährige Immigranten leben: Das Ridef - Treffen in Reggio Emilia ist nicht nur eine Möglichkeit unterschiedliche Kulturen kennenzulernen und zu verstehen, sondern auch Chancen, die Mühe und Entbehrung nicht mehr zulassen.

FREINET - BEWEGUNG, DAS RECHT DER MITBESTIMMUNG, DIE RÄTE DER KINDER

Wir wünschen uns, dass vom Ridef - Treffen in Reggio Emilia ein Aufruf an die Schule, ErzieherInnen und andere Einrichtungen gestartet wird, sodass Formen zum Schutz der Minderjährigen und die Entwicklung der direkten und partizipativen Demokratie ausgeweitet werden. Im Besonderen denken wir an die Möglichkeit in jeder Stadt einen Rat von Kindern und Jugendlichen als Form der direkten Beteiligung am sozialen Leben einzurichten. Erziehung soll ein Gemeinwohl und unveräußerliches Recht eines Jeden sein. Sie soll frei von Marktwirtschaft sein, welche die Erziehung jedem anderen beliebigen Produkt gleichstellt.

STÄDTE ERRICHTEN, DIE ALLEN GERECHT WERDEN

Wir denken, dass dies der richtige Weg ist um etwas zu verändern, um unsere Städte kindgerecht zu reformieren und umzudenken. Die Städte sind erwachsenengerecht gebaut und bestimmen den Rhythmus des Lebens in Bruchstücken: Beziehungen werden von der Schnelligkeit der Transportmittel benebelt; direkte Kontakte mit der Umwelt sind sehr selten. Daher müssen Städte umgedacht und umgestaltet werden, ausgehend von der Perspektive der Kinder, so wie im Projekt „Die Stadt der Kinder“ (“la città dei bambini/e“) geleitet von F. Tonucci vom CNR (Nationales Forschungsrat).

VON DER FRAGMENTIERUNG ZUR ERZÄHLUNG

Die Gesellschaft in der wir leben ist „liquid“ (Zygmund Bauman), ohne stabile Bezugspunkte, in der wir alle, Erwachsene und Kinder, riskieren uns in der Fragmentierung unserer Lebenserfahrungen zu „verlieren“.

Eine Situation, die PädagogInnen gut kennen, weil sie diese oft in den Geschichten ihrer Schüler lesen. Um die Kinder beim Lernen und gemeinsamen Wachsen zu unterstützen ist es äußerst wichtig, dieser Tendenz entgegenzuwirken.

Um die Bildung einer einheitlichen Identität zu fördern ist es wichtig die darstellende und narrative Kompetenz der Kinder zu entwickeln. Die Erzählung ist fundamental um Zusammenhänge, Beziehungsnetze und Geschichten zu schaffen. Die Entwicklung der narrativen Kompetenzen ermöglicht es, die Regeln des Zusammenlebens neu und anders zu sehen; Städte neu zu organisieren ohne die lebhaften Geschichten des urbanen Netzwerkes und deren Bewohner zu ignorieren; und hilft gemeinsame Identitäten zu schaffen.

VON ERFOLGEN AUSGEHEN

Wir sind uns bewusst, dass die Rücksichtnahme auf Kinder in unserer heutigen Welt begrenzt ist. Trotzdem wollen wir einige Errungenschaften der Schule und Zivilgesellschaft unseres Landes aufzeigen, sodass die besten erzieherischen Erfahrungen, die in Italien zusammen mit anderen gemacht wurden, Richtlinien für die einzuschlagenden Wege bereitstellen.

Denken wir an:

  • die Gesetze zur Integration von Kindern mit Beeinträchtigungen (siehe Gesetz 517 aus dem Jahr 1977)
  • die Maßnahmen zur Integration von Immigranten (siehe „La via italiana per la scuola interculturale e l’integrazione degli alunni stranieri – „Der italienische Weg für eine interkulturelle Schule und für die Integration von Kindern mit Migrationshintergrund“ herausgegeben vom MIUR Ministerium für Bildung und Universität 2007)
  • die Einführung der einheitlichen Mittelschule (Klasse 6-8) vor 50 Jahren (1962) und der Kindergärten (1968)
  • die Verbreitung der Ganztagsschule
  • die Organisation der öffentlichen und qualitativ guten Kinderkrippen und Kindergärten, darunter die bekannten von Reggio Emilia, Ort des Ridef - Treffens (Reggio Children).

Und außerhalb der schulischen Einrichtungen:

  • die beispielhaften und fortschrittlichen Erfahrungen, wie etwa die von Reggio Children, bezüglich der Aufmerksamkeit für die Kindheit und die Anerkennung der Vielfalt als Möglichkeit einer differenzierten Planung, wo die Fähigkeiten Aller berücksichtigt werden.
  • andere Erfahrungen wie etwa das italienisch - schweizerische Bildungszentrum in Rimini (Ceis)
  • integrierte Projekte, die Schule und Territorium betreffen (in Pistoia, Turin, Bologna, Venedig, …)
  • das internationale Projekt „Die Stadt der Kinder“ vom CNR, das als Start zur kindgerechten Planung von Städten und Vierteln sowie der Mitbestimmung der Kinder und Jugendlichen in Einrichtungen gesehen werden kann
  • außerschulische Formen der Erziehung, wie jene der CEMEA, Legambiente oder Bildungsangebote der Werkstätten Cenci. Da qui bisogna ripartire nonostante le difficoltà

Das ist der Ausgangspunkt von dem wir, trotz Schwierigkeiten, starten müssen. Das wird vom 30. Ridef - Treffen vorgeschlagen: dass Bildungswege, die in der Schule beginnen außerhalb des Schulkontextes weitergeführt werden (nur so sind sie erfolgreich); dass ErzieherInnen die Mauern der Schulgebäude durchtrennen und allen Kindern dieser Welt den Weg in eine bessere Zukunft bereiten.

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(*) 10 Grundrechte der Kinderrechtskonvention, die auch als Arbeitsziele gelten

  1. das Recht auf Gleichbehandlung und Schutz vor Diskriminierung unabhängig von Religion, Herkunft und Geschlecht;
  2. das Recht auf einen Namen und eine Staatszugehörigkeit;
  3. das Recht auf Gesundheit;
  4. das Recht auf Bildung und Ausbildung;
  5. das Recht auf Freizeit, Spiel und Erholung;
  6. das Recht, sich zu informieren, sich mitzuteilen, gehört zu werden und sich zu versammeln;
  7. das Recht auf eine Privatsphäre und eine gewaltfreie Erziehung im Sinne der Gleichberechtigung und des Friedens;
  8. das Recht auf sofortige Hilfe in Katastrophen und Notlagen und auf Schutz vor Grausamkeit, Vernachlässigung, Ausnutzung und Verfolgung;
  9. das Recht auf eine Familie, elterliche Fürsorge und ein sicheres Zuhause;
  10. das Recht auf Betreuung bei Behinderung.
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